Noch ist Polen nicht verloren oder das (subjektive) polnische ABC: N wie nie (nein)

N wie nie (nein)

Auch wenn man weiß, dass in Polen Ja tak und Nein nie heißt und das Nicken und Kopf schütteln genauso wie in Deutschland und in vielen anderen Ländern zu deuten sind, wird man in Polen möglicherweise in Situationen geraten, in denen Nein eigentlich Ja heißt. Zu diesen Situationen gehört hauptsächlich alles rund um Besuche, Gäste, Essen und Trinken. Ein kleines Beispiel:

Polnischer Gastgeber: „Vielleicht möchtest du etwas essen?“
Polnischer Gast: „Nein, danke. Ich habe erst vor kurzem etwas gegessen.“

In Deutschland oder in vielen anderen Ländern würde man seinem Gast glauben (Warum sollte man das auch nicht tun?) und sich an dieser Stelle mit seiner Antwort zufrieden geben, aber in Polen geht der Dialog noch weiter.

Polnischer Gastgeber: „Vielleicht würdest du doch eine Kleinigkeit essen?“
Polnischer Gast: „Vielen Dank. Wirklich nicht.“

Polnischer Gastgeber: „Bist du dir sicher? Vielleicht ein bisschen bigos?“
Polnischer Gast: „Nein, danke.“

Polnischer Gastgeber: „Ach, komm, es ist doch wirklich eine Kleinigkeit und alles ist schon vorbereitet.“
Polnischer Gast: „Na gut. Wenn du darauf bestehst, esse ich ein bisschen.“

Diejenigen, die schon vermuten, dass der Gast letztendlich durchaus viel mehr als nur „eine Kleinigkeit“ isst, haben das polnische Nein-Ritual richtig verstanden. Er wird wahrscheinlich reichlich essen, trinken und bleibt meist mehrere Stunden.

Ein polnisches Sprichwort besagt „Gast im Haus, Gott im Haus“ (polnisch: Gość w dom, Bóg w dom) und jeder wird von der polnischen Gastfreundschaft sicherlich begeistert sein. Andererseits aber ist man in Polen als Gast bescheiden und möchte keine Umstände machen. Es wäre fast unhöflich, sich gleich auf das angebotene Essen zu stürzen. Der polnische Gast ist übrigens auch sehr hilfsbereit. Nach dem Essen wird er wahrscheinlich gleich aufspringen und abwaschen wollen, bei Übernachtungsbesuchen wird er die Bettwäsche abziehen und einen mit Hilfsangeboten überschütten.

Das oben beschriebene Phänomen ist im polnischen Alltag unterschiedlich ausgeprägt. Anders wird sich eine polnische Mama und anders ein international tätiger polnischer Geschäftsmann verhalten. Für Kontakte mit Polen und den Umgang mit dem polnischen NIE kann man aber trotzdem folgenden allgemeinen Tipp formulieren:

Als Gast wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Nein nicht gleich akzeptiert wird und seien Sie geduldig. Irgendwann werden Sie zwar auch in Polen Ihr Nein durchsetzen können, aber wägen Sie für sich einfach ab, ob es vielleicht nicht einfacher wäre, das angebotene und meist hervorragend schmeckende Essen anzunehmen und dem Gastgeber eine Freude zu tun. Aber Achtung: beim Nachschlag kommt möglicherweise wieder das polnische Nein-Ritual ins Spiel!

Als Gastgeber sollten Sie sich mehrmals (ich meine wirklich mehrmals) vergewissern, ob das Nein Ihres Gastes ernst gemeint ist oder nur ein Teil des Nein-Rituals, sonst laufen Sie beispielsweise die Gefahr, einen hungrigen Gast wieder hungrig nach Hause zu schicken und das ist in Polen mehr als unverzeihlich.

*Mit den Worten „Noch ist Polen nicht verloren” (Jeszcze Polska nie zginęła) beginnt die polnische Nationalhymne Mazurek Dąbrowskiego.
Im Deutschen wird mit diesem Satz zum Ausdruck gebracht, dass eine fast hoffnungslose Situation doch noch gerettet werden kann (jegliche Ähnlichkeit mit der polnischen Geschichte sowie der Geschichte rund um die polnische Nationalhymne ist hier selbstverständlich kein Zufall).

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